Vor Kurzem hat das KoKa36, in Berlin Knall auf Fall Insolvenz angemeldet und damit auch ein paar Kreuzberger Locations in große finanzielle Nöte gebracht, jetzt ist MÜNCHEN TICKET auch ganz knapp an einer Insolvenz vorbei geschrammt. Mit einer Finanzspritze der Stadt München, wurde Diese nun erstmal abgewendet. Wie und ob es dauerhaft weitergeht, wird noch vor der Sommerpause entschieden und inwieweit das Wahlergebnis da dann auch noch Einfluss auf die Entscheidung hat, wird sich zeigen.

Wie kommt es zu solchen Situationen in der Konzertkartenbranche? Was können wir selbst verändern? Ich habe dazu TOM FOCK, Sänger der kultigen Deutschpunkrockband LUSTFINGER, welche dieses Jahr 45 Jahre feiern, und der somit auch viel Erfahrung mit Kartenverkäufen hat, Helge Gumpert, den Drummer der NECKARIONS aus Stuttgart, befragt.

Hier zunächst das gekürzte Statement von TOM FOCK:

„Im SO36 und anderen Clubs in Berlin haben wir oft gespielt, auch wenn es teilweise länger her ist.
Wenn solche Läden wie das SO36 schließen würden, oder aus besagten Grund müssen, wäre das mehr als traurig und tragisch.
In solchen Läden findet doch die eigentliche Vielfalt von Kultur, Musik, Subkultur usw. statt!
Aber wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre anschaut, was die Ticketpreise angeht und was Unternehmen wie Eventim, Ticketmaster und noch schlimmer LIVE NATION einstecken, kann es einem schlecht werden bzw. ist das die absolute Sauerei!
Ich habe mir leider nicht aufgehoben, als eine Band die 5.000 Leute im Konzert hatten, darüber berichtet hatten, warum sie diesen Ticketpreis haben und was Denen am Schluss tatsächlich übrig geblieben ist, nachdem Eventim usw. ihre Kohle abgezogen haben. Auf Deutsch, die mussten einen bestimmten Preis veranschlagen, (darüber haben sich die Leute beschwert) , damit ihnen am Schluss nach all den Abzügen noch was übrig bleibt.

In den letzten Jahren hat Live Nation immer mehr Bands (siehe unten) unter Vertrag genommen. Wobei die Bands oftmals gar nicht an den Preisen schuld sind.
Meistens steckt das Management noch dahinter und schiebt da eben auch die Kohle ein.
Aber das ist eben der Grund das dann ein Ticket für FOO FIGHTERS in der Arroganz-Arena auf der Tribüne in der Nähe der Bühne 345 Euro kostet! Geht’s noch?
Das mag jetzt ein großer Sprung vom KoKa36 zu den großen im Business sein, aber das spielt trotzdem eine Rolle!
Live Nation und Ticketmaster usw. Bestimmen die Ticketpreise, nicht die Bands.
Da lobe ich mir Rammstein, die ihre Tickets nur über ihre Webseite verkaufen.
Wenn man in München das Backstage anschaut, verkaufen die Tickets auch über ihre Webseite, kommen aber anscheinend, warum auch immer nicht drum rum, Tickets auch über Eventim verkaufen zu müssen!?

Eine Subkultur ist wichtig, sie darf niemals sterben!
Aber, stirbt die Subkultur langsam aus?
Ich denke, hier spielt irre viel mit was bei und nach Corona passiert ist und das hat viel verändert!
Nach Corona hat sich kaum noch einer Tickets im VVK gekauft, weil die Angst zu groß war, dass das Konzert nicht stattfindet.
Denn manche hatten teure Tickets an der Wand hängen, die Konzerte wurden ständig verschoben und als es stattfand, hatte man keine Zeit, weil Urlaub, Krankheit usw.
Das Geld bekam aber nicht zurück.
Deshalb mussten wir 2 große gute Touren mit Marky Ramone und noch einer anderen Band absagen, da der VVK so schlecht lief, dass wir nicht bezahlt werden konnten.
Es braucht einen bestimmten VVK um kalkulieren zu können. Das Phänomen war aber dann, Beispiel München 37 Tickets im VVK und am Abend waren 400 Leute da.
Das kann man nicht kalkulieren. Aber so verhielt es sich auch bei unseren Konzerten.
Das hat sich jetzt Gott sei Dank wieder verändert.
Was hat sich aber auch verändert? Für mich sehe ich das so, dass viele lieber 150 Euro für ein Ticket ausgeben, als 20 oder 26 Euro für eine Band in einem kleinen Laden.
Die Zeit ist bei der heutigen und den letzten Generationen immer mehr vorbei, dass man so wie wir früher sagt, hey da spielt heute ne Band, kenne ich nicht aber lass uns hingegen, anhören und paar Bier trinken. Die Clubs verlangen mittlerweile von „unbekannten“ Bands Geld sonst sperren sie den Laden nicht auf. Pay to play gibt es schon lange, aber macht keinen Spaß. Somit schaut jeder Club erst einmal wie schaut das Angebot auf dem Markt aus, welche namhafte Band tourt gerade und schaut das er Namen in seinen Club bekommt.
Ein weiterer Grund, dass es für kleinere Bands kaum Platz und freie Termine gibt. “

Das wirft für mich auch die Frage auf, wie „unbekannte“ Bands, da dann noch bekannt werden können.

Helge Gumpert, der Drummer der NECKARIONS aus Stuttgart, hat mir auch ein Statement dazu geliefert :

„Konzertkarten…heutzutage Tickets genannt: Früher in Stuttgart zu kaufen in Plattenläden oder Kartenvorverkaufsstellen. Nach Corona gab es sie nur noch über das Internet zu kaufen. Aber schon viele Jahre davor hat die Wandlung von Konzerten zu Events stattgefunden. An diesen Events möchten die Eventmanagenden und Firmen kräftig verdienen, noch dazu steigen die Kosten immer mehr und mehr, ebenso die Ansprüche der Eventnehmenden.
Meine Perspektive ist seit über 30 Jahren die eines Musikers wie auch Konzertbesuchers. Einfach war es nie, als kleine Band Konzerte zu bekommen und immer wieder gab es Höhen und Tiefen, heute wie damals. Mal spielst du vor 5 Personen, mal vor 500. Aber mein persönliches Konzertgehverhalten hat sich nicht groß verändert, außer, dass es immer weniger Konzerte werden. ( aus unterschiedlichen, auch persönlichen Gründen) In den 1990ern gab es meiner Meinung nach viel mehr unkommerzielle Spielstätten, aber zum Glück gibt es die noch immer: Selbstverwaltet, größtenteils ehrenamtlich betrieben, wo das Bier auch immer noch drei Euro kostet. Aber die Clubs, die davon leben müssen (die Menschen, die dort arbeiten) haben es auch immer schwerer.
Die Kosten steigen, die Eintrittspreise ebenso. Mir fällt es auch schwer, +30 Euro zu zahlen für ein kleines Konzert und +5 Euro für eine Getränk auszugeben und irgendwann macht es mir auch keinen Spaß mehr und es dauert nicht mehr lange. Wenn Spaß nur der haben kann, der viel Geld ausgeben kann, dann ist das äußerst bedenklich und gesellschaftlich spaltend. Und auch für die Bands steigen die Kosten immer mehr, die Gagen stagnieren und die Eintrittspreise müssen selbstverständlich immer niedrig bleiben, sonst kommt ja gar niemand mehr.
Aber die Konzertbranche ist nur ein Symptom für den gesellschaftlichen Wandel.
Die Armut nimmt zu, alles wird teurer und die Menschen priorisieren, wofür sie das Geld ausgeben. Und da sind Events in Hallen ab 1000 Menschen und Open-Airs ganz vorn.
Ich finde diese Entwicklung schlimm und traurig, denke aber, das daran nicht mehr viel zu ändern ist. Wir bekommen das, was wir als Gesellschaft verdienen. Ich will mein Geld für gute Dinge ausgeben, Dinge mit Sinn für mich und andere: Weil das ist, was bleibt, wenn wir gehen: Wie haben wir gelebt? Waren wir kapitalistische Arschlöcher oder haben wir versucht, Dinge anders zu tun, anders zu denken?
Oder musst du jeden Tag auf’s Neue überlegen, wie du mental und finanziell von Tag zu Tag überlebst? Dann sind Konzerte und Kultur ein Luxusgut.
Unterstützt beim Essen regional ,bio, fair und saisonal. Act local, think global.
Bestellt nicht bei Amazon, glotzt nicht so viel auf Bildschirme. Das Leben ist kurz, macht was draus.“

Danke an Euch Beide, für diese interessanten Gedanken und Erfahrungen. Ich selbst kann hinzufügen, dass ich Konzertkarten wieder hauptsächlich “ regional und analog “ , bei kleineren Verkäufern kaufen werde. Etwas Entschleunigung tut uns ja auch Allen gut. Es muss auch nicht immer Alles sofort sein. Ich persönlich gehe fast ausschließlich in kleine Locations und zu Bands, die meist niemand, ich auch nicht, kennt. Es gibt soooo viele wunderbare MusikerInnen mit großartiger Show und leidenschaftlichen Songs, da gibt es viel zu entdecken. Ich plädiere für mehr Neugierde und auch mal aus der eigenen Komfortzone abbiegen, ins Abenteuer MUSIK.